Sven Himmen

Der mond muss weg

Leseprobe

Diese Geschichte beginnt am Ende.

Am Ende der Menschheit, wie wir sie kennen.

Und niemand hat es damals kommen sehen.

Bis auf einen, ganz speziellen Menschen.

* ⁎ *

Dieser eine, ganz spezielle Mensch, der immer genau wusste, was geschehen würde, beschloss sehr schnell, niemandem davon zu erzählen, denn wenn man sieht, wo man heutzutage landet, wenn man anderen etwas über ihre Zukunft erzählen möchte, hackt man sich lieber die Zunge mit einer rostigen Axt aus dem Gesicht, als auch nur ein Wort darüber zu verlieren.

Dieser eine, ganz spezielle Mensch hatte gewusst, dass sich die Erde schon bald in einen atomar verseuchten Haufen Dreck verwandeln und es den Menschen von diesem Moment an unmöglich machen würde, auf ihre altbekannte Art und Weise zu existieren. Eigentlich hatten die Menschen kein Recht, sich darüber zu beschweren, schließlich waren sie selbst schuld an der ganzen Misere, jedoch taten sie es trotzdem, schließlich waren sie Menschen.

Weil dieser eine, ganz spezielle Mensch gewusst hatte, was passieren würde, hatte er sich nicht nur die Zunge aus dem Gesicht gehackt, sondern nach vollbrachter Tat die Axt gleich auch noch etwas weiter unten angesetzt, um sich zusätzlich des gesamten Schädels zu entledigen. Gehackt, getan und der eine, ganz spezielle Mensch starb zufrieden und wenig überrascht, da er das alles ja hatte kommen sehen. Außerdem hatte er gewusst, was aus seiner Tat resultieren würde und sich sehr darüber gefreut, für so viel Chaos verantwortlich zu sein, ohne es selbst miterleben zu müssen.

Nur wenige können sich vorstellen, wie langweilig ein Leben ist, in dem man alles, was passieren wird, bereits weiß. Man erfährt etwas Unerhörtes, erzählt einer anderen Person davon, bekommt von dieser eine Ohrfeige, weil das Gesagte tatsächlich unglaublich unerhört war, und ist deswegen wenig überrascht, weil man bereits gewusst hatte, dass man die Ohrfeige kassieren würde.

So hatte der Alltag dieses einen, ganz speziellen Menschen ausgesehen. Er hatte stets gewusst, was er tun würde, und es deswegen auch gemacht, weil er es ja ansonsten nicht gewusst hätte. Natürlich hatte er anfangs versucht, Dinge nicht zu tun, von denen er wusste, dass er sie tun würde, jedoch hatte sich dabei lediglich herausgestellt, dass es unmöglich war, etwas nicht zu tun, von dem man bereits wusste, dass man es tun würde. Ein solches Leben ist auf Dauer ermüdend und langweilig. Und unangenehm, da sich nur die wenigsten Wesen über den Erhalt einer Ohrfeige freuen.

Hinzu kommt, dass sich dieser eine, ganz spezielle Mensch seine Fähigkeit nicht ausgesucht hatte. Er hatte sich nicht gewünscht, sie zu besitzen, sondern sie einfach während seines Aufenthalts im Mutterleib erhalten. Warum das geschehen war, wusste er nicht und soll auch nicht Teil dieser Geschichte sein. Hin und wieder hatte er sich zwar gewünscht, endlich zu erfahren, warum er über diese außerordentliche Fähigkeit verfügte, jedoch hatte er immer auch gewusst, dass er es nie erfahren würde. Hätte er es irgendwann erfahren, hätte er es wegen seiner Fähigkeit schließlich bereits gewusst. Somit gab er den Wunsch auf.

Das Leben ist eben kein Wunschkonzert.

Davon konnte auch die kleine Fee, die Wünsche erfüllen konnte, obwohl sie es eigentlich gar nicht wollte, ein Lied singen. Die Fee hatte im Gegensatz zu diesem einen, ganz speziellen Menschen erst nach der atomaren Verseuchung des Planeten zu existieren begonnen. Diese Verseuchung war auch der Grund dafür gewesen, dass sie ihre Fähigkeit erhalten hatte. Der eine, ganz spezielle Mensch wusste alles über diese Fee und den Ursprung ihrer Fähigkeiten. Über sich selbst wusste er dagegen nur sehr wenig.

Eines der vielen Probleme an der Fähigkeit dieses einen, ganz speziellen Menschen war, dass er zwar alles wusste, was noch passieren würde, sich aber nichts merken konnte, was vor seiner Geburt geschehen war. Alles, was vor seiner Geburt lag, vergaß er nach wenigen Minuten wieder. Dadurch war es ihm als Kind unmöglich gewesen, im Geschichtsunterricht an der Schule gute Noten zu schreiben, was aber gar nicht so schlimm war, da man aus Geschichte sowieso nichts lernen konnte.

So kam es, dass sich dieser eine, ganz spezielle Mensch sein ganzes Leben lang über seine Fähigkeit ärgerte, denn noch eine andere zukünftige Sache wusste er: dass all die tollen, mächtigen Wesen aus Sagen, Märchen und Legenden erst durch den atomaren Unfall Realität werden würden. Dazu zählte nicht nur die bereits erwähnte Fee, sondern auch alle anderen fantastischen Dinge in dieser Geschichte. Der eine, ganz spezielle Mensch dagegen war alleine mit seiner Fähigkeit und deswegen immer sehr, sehr traurig, wodurch er stets mit gesenktem Haupt durch die Gegend lief.

Bis er sich ebendieses mit einer rostigen Axt abschlug.

In den letzten Sekunden seines Lebens ging es ihm tatsächlich zum ersten Mal seit langer Zeit ganz gut.

Der Fee dagegen ging es häufiger ganz gut. Sie reiste mit einem klapprigen Fahrrad von Ortschaft zu Ortschaft und ließ sich für das Erfüllen irgendwelcher Wünsche bezahlen. Kam jemand bei ihr vorbei und wünschte sich etwas, schwang sie ihren Zauberstab hin und her und vollführte ein lautes Getöse, das eigentlich gar nicht notwendig war. Der Zauberstab war gar kein richtiger Zauberstab, sondern die vertrocknete Zunge dieses einen, ganz speziellen Menschen, dessen Kopf sie eines Tages zufällig am Wegesrand hatte herumliegen sehen. Sie hatte sich sofort in die Zunge verliebt, sie mit der neben dem Schädel liegenden verrosteten Axt bearbeitet und zu einem kleinen, schmalen Zauberstab weiterverarbeitet.

Da die Fee etwa achtzig Zentimeter groß war, stellte die menschliche Zunge für sie einen wirklich prachtvollen Zauberstab dar. Er war handwerklich relativ schön anzusehen, wenn man den Ekel ignorierte, der einen überkam, wenn man bemerkte, dass hier vollkommen grundlos eine vertrocknete, mit einer Axt bearbeitete, menschliche Zunge hin und her geschwungen wurde. Grundlos übrigens deswegen, weil die Fee gar keinen Zauberstab benötigte, um ihre Fähigkeit auszuüben. Aber das macht ja nichts. Er verlieh der ganzen Situation mehr Dramatik.

Dieser eine, ganz spezielle Mensch, dem die Zunge ursprünglich gehört hatte, interessierte sich definitiv nicht mehr dafür, was irgendeine Fee Jahre nach seinem Tod mit seiner Zunge anstellte. Die Fee hatte auch gar keine Bedenken gehabt, sich der Zunge zu bemächtigen, da sich anscheinend ein paar andere Wesen bereits am Rest des Körpers bedient hatten, worauf ein riesiges Loch im Bauch des vertrockneten Leichnams hinwies.

Mittlerweile sollte eine Sache klargeworden sein: Die Welt hatte sich in ein einziges, chaotisches Heckenlabyrinth verwandelt, in dem man sich mit jedem Schritt weiter verirrte und aus dem es gleichzeitig keinen Ausweg gab, weshalb man sich immer wieder die Frage stellen musste, warum man überhaupt noch einen Schritt vor den anderen setzte. Überall herrschte eine negative Grundstimmung und die meisten Wesen wollten einfach nur ihre Ruhe haben oder sterben oder in Ruhe sterben.

Es gab nur wenige Wesen, die sich von dieser negativen Grundstimmung abhoben. Ein ganz besonderer Teil dieser Wesen lebte in einer Pyramide inmitten eines Dschungels. Niemand wusste, woher diese Pyramide gekommen war, da man dies aber über den sie umgebenden Dschungel ebenfalls sagen konnte, hatte man einfach beschlossen, sich mit beiden Existenzen abzufinden. Bei den Wesen handelte es sich um eine Horde mutierter Blinddärme, die alleine durch ihre Existenz der mutierte und auch lebende Beweis dafür war, dass sich die Natur nicht bei allen von ihr erschaffenen Kreaturen Gedanken macht.

Aber letztendlich sind Planungen jeder Art schwierig, sobald atomarer Abfall involviert ist, weshalb man der Natur nicht allzu böse sein sollte, da sie laut des von der Behörde jährlich erstellten Arbeitszeugnisses zumindest stets bemüht war.

Die mutierten Blinddärme unterschieden sich von der allgegenwärtigen negativen Grundstimmung, indem sie noch negativer drauf waren als der Rest der Erdbevölkerung. Sie waren den ganzen Tag lang schlecht gelaunt. Vor allem, weil sie als Blinddärme zu den nutzlosesten Dingen auf diesem Planeten gehörten. Objekte, die nur existieren, damit man sie entfernen lassen kann, wenn sie sich entzündet haben? Als neutraler Erzähler ist es nicht meine Absicht, jemanden oder etwas zu kritisieren, aber das hier war nun wirklich keine Grundlage für ein optimistisches Weltbild. Und dann waren die Blinddärme auch noch mutiert! Die Mutation hatte sie nicht nur lebendig gemacht und auf Mardergröße heranwachsen lassen, sondern auch noch dafür gesorgt, dass sie sich nicht mehr entzünden konnten. Was wie eine gesundheitliche Verbesserung klingen mag, war für die Blinddärme das komplette Gegenteil und kam einem Entzug ihrer Lebensgrundlage gleich. Man hatte ihnen alles genommen, was sie zu dem machte, was sie sind. Und genau darum waren sie so wütend. Ihr Anführer, der erste mutierte Blinddarm, der sich kurz nach der atomaren Verseuchung aus dem vertrockneten Leichnam dieses einen, ganz speziellen Menschen gegraben hatte, erzählte den anderen aus ihm entstandenen Blinddärmen immer wieder aufs Neue, dass er das Gefühl habe, dass die Lage auf diesem Planeten nicht mehr besser werden würde und es deswegen wohl das Beste sei, diesen zu verlassen. Niemand wusste, warum er vorgab zu wissen, wie die Zukunft des Planeten aussah, jedoch traute sich gleichzeitig niemand, ihn darauf anzusprechen, da er immer so grimmig guckte.

Letztendlich hing das alles natürlich mit seiner Entstehungsgeschichte zusammen. Man konnte bei ihm zwar nicht mehr behaupten, dass er die Zukunft kannte, trotzdem hatte der Blinddarm die ganze Zeit über so ein wissendes Bauchgefühl.

Im Grunde waren die Blinddärme also den ganzen Tag lang schlecht drauf und grummelten vor sich hin. Da sie der Meinung waren, dass es sie nach dem ganzen Chaos mit der atomaren Verseuchung am härtesten getroffen hatte, hatten sie eines Tages ihre Pyramide von innen mit einem großen Vorhängeschloss versehen, um das schöne Leben da draußen für immer auszusperren.

Dafür hatte ihr Anführer eine in der Nähe der Pyramide lebende Architektin aufgesucht.

Diese hörte auf den Namen Franka und war eine Kali, die in ihren Grundzügen einem Menschen ähnelte, gleichzeitig aber gravierende Unterschiede zu diesen fast vollständig ausgestorbenen Wesen aufwies. Sie war sehr muskulös, knapp über zwei Meter groß, hatte eine dunkle, leicht bläuliche Hautfarbe und besaß vier Arme. Zwei Arme saßen wie für Menschen üblich an ihren Schultern, die zwei anderen lagen etwa zehn Zentimeter unter dem oberen Paar.

Franka lebte in einer kleinen Hütte in genau dem Dschungel, in dem sich auch die Pyramide der Blinddärme befand. Sie hatte sich als Architektin und Handwerkerin selbstständig gemacht, da sie gerne plante, skizzierte und Dinge mit ihren Händen erledigte, was vor allem daran lag, dass sie gleich vier davon besaß. Im Grunde war es naheliegend, sich mit einem solchen Körperbau einem Handwerksberuf zu widmen, jedoch hatte Franka sich lange darüber Gedanken gemacht, ob sie dieser für sie offensichtlichen Tätigkeit auch wirklich nachgehen wollte. Man will ja bei der Berufswahl nicht sofort das Erste nehmen, was einem einfällt. Letztendlich hatte sie sich aber doch für die Kombination aus Architektur und Handwerk entschieden. Sie hatte vier Hände, war sehr geschickt und außerdem unglaublich stark. Da kann man tatsächlich auf den Gedanken kommen, Häuser zu gestalten und zu errichten. Architektur hatte sich in dieser Welt übrigens zu mehr als dem bloßen Skizzieren von Gebäuden entwickelt. In der Regel war man auch dafür verantwortlich, diese Skizzen in die Tat umzusetzen. Darum mochte Franka ihren Job. Sie mochte sowohl die Verantwortung als auch die Abwechslung.

Dass sie nebenbei auch noch Vorhängeschlösser schmiedete, hatte den einfachen Grund, dass man in dieser Welt nur schwer von einem reinen Architekturjob leben konnte. Da alles kaputt und trostlos war, ließen sich nur wenige Wesen aufwändige Prachtbauten errichten, was die Auftragslage mehr als dürftig erschienen ließ. Als Selbstständige war Franka nicht wählerisch. Sie eignete sich allerlei Fähigkeiten an und erledigte mit der Zeit einfach alles, was irgendwie mit Häusern zu tun hatte. Sie baute neue Türen oder Fenster, reparierte Heizungen und Wasserleitungen oder schmiedete Gegenstände wie Vorhängeschlösser.

Und wenn eines Tages der Anführer der Blinddärme vor der Tür steht und einen darum bittet, ihm ein Vorhängeschloss zu bauen, damit er und seine Gefolgschaft sich in ihrer Pyramide einschließen können, baut man eben ein solches Vorhängeschloss und stellt keine Fragen. Vor allem nicht, wenn dieser Blinddarm währenddessen so grimmig guckt.

Als keine zwei Wochen später ein aufgebrachter Bauernmob vor Frankas Tür stand und sie dazu aufforderte, endlich etwas gegen diese grimmig guckenden Nachbarn zu unternehmen, die mit ihrer negativen Stimmung den Hafer heulen ließen, wodurch dieser den eigenen Boden versalzte und nicht mehr richtig wuchs, sagte sie auch nicht nein. Wer will schon heulenden Hafer? Franka definitiv nicht. Außerdem sollte noch darauf hingewiesen werden, dass die Kreaturen, die man in dieser mutierten Welt als Bauernmob bezeichnete, Wesen mit Fackeln und Mistgabeln anstelle von Händen waren und es einfach nie eine gute Idee war, sich mit diesen auf eine Diskussion einzulassen.

Natürlich hatte Franka darauf hingewiesen, dass sie erst vor Kurzem ein Vorhängeschloss für die Blinddärme angefertigt und seitdem nichts mehr von ihnen gehört oder gesehen hatte, jedoch interessierte das den Bauernmob nicht. Man wollte sich lieber doppelt absichern, als später das Nachsehen und eine versalzene Haferernte zu haben. Warum nur ein Schloss, wenn man zwei haben kann?

Und so hatte Franka zwei Vorhängeschlösser für die zwei Seiten ein und derselben Tür angefertigt.

Einen Monat später stürzte der Mond auf die Erde.

Der Mond muss weg
Genürselte Spritzbuben mit Kranzbinden
Wach durch die Traumwelt
Nicht immer nur meckern