Sven Himmen
52 Begriffe – 52 Wochen – 52 Texte.
Jede Woche des Jahres 2013 schrieb Sven Himmen einen Text über einen zufällig gezogenen Begriff. Ein Genürsel kann alles sein. Genauso wie der Autor damals nicht wusste, welcher Begriff ihn als Nächstes erwartet, wissen Sie heute nicht, was für ein Text auf Sie zukommen wird. Kurzgeschichte? Kolumne? Anekdote? Geschwafel? Blödsinn? Lüge? Wahrheit? Alles ist möglich. Gerade die Grenze zwischen Lüge und Wahrheit ist fließend. Was sich wie ein Tagebucheintrag liest, kann erstunken und erlogen sein, während die absurdeste Kurzgeschichte möglicherweise voller Wahrheit steckt.
ISBN: 978-3-6957-4298-1

Leseprobe
Entschuldigung? Da sitzt ein Monster auf Ihrem Zeichenblock
Als ich noch ein Kind war, nistete sich irgendwann der Gedanke in meinem Kopf ein, unbedingt ein Buch schreiben zu müssen. Zunächst beachtete ich ihn nicht weiter, da ich es – wie übrigens auch heute noch – nicht leiden konnte, dass sich gerade jemand uneingeladen in meinen Kopf gesetzt hatte. Es dauerte seine Zeit, bis der Gedanke und ich ins Gespräch kamen. Ich fragte eines langweiligen Tages nach dem Wetter in meinem Kopf und plötzlich unterhielten wir uns mehrere Stunden lang miteinander. Am Ende freundeten wir uns an und bildeten eine Gemeinschaft.
Am liebsten unterhielt ich mich mit dem Gedanken über Monsterfilme. Ich war etwa fünfzehn Jahre alt und ein großer Freund besagter Filme. Ob »Alien«, »Predator« oder »X-Tro 2«, ich fühlte mich zu all diesen phantastischen Wesen hingezogen. Das »Warum nur, warum?« kann ich nicht beantworten. Aber wer kann das schon? Auf die Frage »Warum magst du Grün?« ist schließlich auch nur schwer eine Antwort zu finden. Vor allem, weil Grün die wohl wichtigste und beliebteste Farbe der Welt darstellt und sich die Frage somit erübrigt. Das hat zumindest eine Studie des Fachmagazins »Wir werden von Grün bezahlt« ergeben. Ich berufe mich hier ausschließlich auf Fakten.
Jedenfalls fing ich wegen Monstern mit dem Schreiben an. Und wie ich schrieb! Ich höre heutzutage oft davon, dass sich Leute zum Schreiben ein spezielles Programm auf ihrem Computer installieren, das alles um einen herum ausblendet und den gesamten Desktop einnimmt, damit die Schreiber sich besser konzentrieren können und nicht abgelenkt werden von eintreffenden Werbemails über Medikamente gegen Erektionsstörungen. Wenn ich per Zeitmaschine meinem jüngeren Ich davon erzähle, lacht es mich immer aus und haut mir danach gepflegt eine runter. Dann greift es in seinen Scout-Weltraum-Ranzen und kramt zwischen Turtlesfiguren und Game Boy Spielen einen Zeichenblock hervor, an dem ein Stift klemmt.
Das reichte damals aus. Ein Blatt Papier und ein Stift. So entstanden meine Geschichten. Spricht man in der heutigen Zeit davon, etwas »aufs Papier zu bringen«, sitzt man in der Regel vor einem Computerbildschirm und drückt auf irgendwelche Tasten. Das geht schnell, man kann einfach Dinge korrigieren und redet sich gleichzeitig ein, etwas für die Umwelt zu tun, weil man während des Schreibvorgangs Papier nur noch in Taschentuch- oder Küchenrollenform benutzt, um den Schreibtisch von Kaffeeflecken zu befreien.
Ich war als Kind ein großer Umweltverschmutzer. Mein erstes Buch sollte vollständig auf besagtem Zeichenblock entstehen. Wobei ich in gewisser Weise schon sparsam mit dem benutzten Papier umging und so klein und eng zusammen schrieb, dass jemand mit schwachen Augen den Text niemals hätte lesen können. Aber an so etwas verschwendete ich damals keinen einzigen Gedanken. Wie heute habe ich auch als Kind erst einmal nur für mich geschrieben und kümmerte mich nicht um augenschonende Formatierungen für andere Leute. Ich wollte eine Monstergeschichte schreiben. Und das tat ich auch.
Das Ergebnis kam nicht über ein paar kurze Opferkapitel hinaus. Opferkapitel? Keine Sorge, mit deutschem Hip Hop hatte das nichts zu tun. Ich war eher der Meinung, ein gutes Buchmonster müsse von Beginn an vernünftig eingeführt werden, und ein paar deftige Morde waren zu diesem Zeitpunkt das Vernünftigste, was ich mir vorstellen konnte. Auch heute noch habe ich Tage, an denen ich so denke, erzähle davon aber normalerweise niemandem.
Ich schrieb also über den Kanalarbeiter Jimmy Brown, dessen Routineüberprüfung eines defekten Filternetzes mit einem abgerissenen linken Bein und einem ebenso abgerissenen Kopf endete. Und über die dreijährige Marry Barrow, die eigentlich nur die Enten am See im Central Park streicheln wollte, dabei aber alles bis auf ihre linke Hand verlor. An der Hand fehlten übrigens noch Zeige- und Mittelfinger. Man will ja nicht auf die wichtigen Details verzichten.
Weiter? Gerne! Lassen Sie mich von Jonny und Maxi erzählen, deren Spaziergang am See damit endete, dass man nur noch ihre Rucksäcke am Ufer wiederfand. Und Maxis linken Fuß. Und Jonnys Oberarm. Beim Oberarm ging ich interessanterweise nicht so sehr ins Detail wie bisher. War es nun der linke oder rechte Oberarm? Ich erinnere mich leider nicht mehr daran, wie genau ich mir die beschriebene Szene damals vorgestellt hatte. Dies ist aber auch nicht weiter wichtig, schließlich möchte ich noch auf Jane Mellins zu sprechen kommen, die nicht nur bewies, dass nicht alle englischen Namen mit »y« oder »i« enden, sondern auch, dass ich schon nach wenigen Zeilen zu meiner Detailverliebtheit zurückgefunden hatte. Von ihr blieb nicht irgendeine Hand zurück, sondern die linke. Und zwar in den Händen des endlich eingeführten Protagonisten Jack Jensen, der eigentlich mehr von seiner Freundin hatte retten wollen als lediglich ihre linke Hand.
Ist Ihnen schon aufgefallen, dass mein Monster recht heiß auf rechte Körperteile war? Im großen Finale wäre das ganz bestimmt ein entscheidendes Detail gewesen. Oder auch nicht.
Jedenfalls sollte mittlerweile klar sein, worum es in meinem ersten Buch ging. Um zurückgelassene Körperteile und meine Rechts-Links-Schwäche. Viel weiter bin ich damals leider nicht gekommen. Vermutlich hatte ich mir vor dem Weiterschreiben erst einmal weitere Körperteile ausdenken wollen, die irgendwo angeschwemmt werden konnten, und dabei gemerkt, dass ich kein Interesse an einem Medizinstudium hatte. Und Namen waren mir aller Wahrscheinlichkeit nach auch langsam ausgegangen.
Nein, ich will ehrlich sein: Ich weiß, warum ich nicht mehr an dieser Geschichte weiterschrieb. All das entstand während meiner Konfirmandenfreizeit. Zu dieser Zeit hockte ich mit ein paar mehr oder weniger gläubigen Kindern in Stuhlkreisen zusammen, dankte Gott für all die Stühle und verstümmelte abends im Bett dreijährige Kinder in Textform. Ich erkannte schnell, dass ich während dieser Freizeit kein ganzes Buch fertigstellen würde, also schrieb ich etwas anderes: meine erste Kurzgeschichte mit dem Namen »Ein Werwolf allein zu Haus bei Peter«. Hierbei handelt es sich auch aus heutiger Sicht um die beste Monstergeschichte, die ich jemals in meinem Leben geschrieben habe. Zumindest, wenn man nicht so sehr auf Rechtschreibfehler und schlechte Formulierungen achtet. Die Geschichte an sich war ein wahrer Unterhaltungstraum. Bei meinen jungen Freunden kam sie sehr gut an und ich schrieb sogar einen Nachfolger: »Ein Werwolf allein zu Haus bei Peter 2«. Was für schöne Erinnerungen. Und wieder ging es um ein Monster.
Zusammenfassend habe ich es wohl meiner früh entdeckten Monsterleidenschaft zu verdanken, dass ich heute schreibe. Und meiner Sammelleidenschaft, dass ich die Originalzettel mit meinem ersten Buchanfang noch besitze. Wenn mir nach der Konfirmationsgeschichte eine Sache heilig geblieben ist, dann diese drei Seiten. Mit ihnen hat alles angefangen.
Noch eine lustige Geschichte zum Abschluss: Während des obigen Absatzes habe ich eine Kugelschreibermine leergeschrieben. Ja, ich habe mich der alten Zeiten wegen mit Stift und Papier bewaffnet und diese Zeilen auf ganz altmodische Art und Weise wortwörtlich aufs Papier gebracht. Es fühlte sich gut an.
Stift und Papier haben einen großen Vorteil: Sie lenken einen nicht von dem ab, was man machen möchte, schließlich stellen sie alles dar, was man für das sich vorgenommene Schreibziel benötigt. Während der Computer im Hintergrund rattert und knattert, ohne mir zu verraten, was genau er da gerade macht, konzentriere ich mich auf meinen Text.
Mein junges Ich steht währenddessen hinter mir und grinst. Es ist stolz auf mich. Ich grinse zurück, haue ihm eine runter, stecke es wieder in die Zeitmaschine und schicke es nach Hause zurück. Zu spät bemerke ich, dass sich eine Fliege mit ihm in der Maschine befand. Während ich darüber nachdenke, wie ich meine neugewonnenen Beine vor neugierigen Blicken schützen soll, erkenne ich, dass ich endlich zu dem geworden bin, was ich liebe: Zu einem Monster.
Anmerkung: Die beiden angesprochenen Texte »Ein Werwolf allein zu Haus bei Peter« und »Ein Werwolf allein zu Haus bei Peter 2« finden Sie im Anhang dieses Buches. Selbstverständlich habe ich die angesprochenen Fehler korrigiert, dabei jedoch gleichzeitig versucht, den damaligen, kindlichen Stil beizubehalten.


