Sven Himmen

Nicht immer nur meckern

Leseprobe

Liebes Tagebuch,

dies ist mein erster Eintrag auf deinen noch leeren Seiten. Aber warum erzähle ich dir das überhaupt? Ich beschreibe schließlich gerade alles andere als unauffällig deine Innereien. Egal. Wenn alles so funktioniert, wie ich es mir vorgenommen habe, werden wir uns von nun an regelmäßig begegnen.

An dieser Stelle sollte ich mich aus Höflichkeit wohl erst einmal ausführlich vorstellen, fasse mich stattdessen aber lieber kurz: Ich bin wütend. Ja, das beschreibt es ganz gut. Worüber? Ganz einfach: über die Außenwelt. Da du mit diesem Begriff bestimmt nichts anfangen kannst, lass ihn mich schnell erklären, denn er wird dir von nun an regelmäßig über den Weg laufen: Als Außenwelt bezeichne ich im Grunde alles um mich und meine Wohnung herum. Vor allem die Menschen. Menschen sind schrecklich. Ich kann mir keine schlimmere Existenz vorstellen als die menschliche. Ich selbst gehöre dieser Spezies zwar an, bin aber alles andere als froh darüber. Es ist mir fast schon peinlich.

Das Verhalten der Außenweltbewohner bringt mich zur Verzweiflung. Ich laufe kopfschüttelnd durch die Gegend und frage mich, wie die Menschen es überhaupt geschafft haben, bis heute zu überleben. Man verhält sich unlogisch, verstrickt sich in Widersprüche, macht, was die Medien einem diktieren, und stellt die eigene Existenz über die aller anderen. Ich würde aus dieser Welt nur zu gerne ausbrechen. Aber ich kann es nicht.

Genug davon. Genaueres möchte ich dir zu diesem Zeitpunkt noch vorenthalten. Du wirst früh genug erfahren, was mich im Detail so wütend macht. Und auch mich selbst wirst du durch meine Einträge kennenlernen, nicht mithilfe eines oberflächlichen Steckbriefs. Dennoch sollte ich dir wenigstens erklären, worum es mir überhaupt geht und was du damit zu tun hast. Ich habe nämlich einen Plan. Heute ist die erste Kalenderwoche dieses Jahres zu Ende gegangen, was für mich Anlass genug ist, genau das zu tun, was ich in dieser Zeit eigentlich so sehr hasse: Einen guten Vorsatz fassen.

Du musst wissen, dass ein neu angebrochenes Jahr in den Menschen der Außenwelt schon immer das Bedürfnis geweckt hat, gute Vorsätze zu erfinden und sich ein paar Tage lang an diese zu halten. In der Regel drehen sie sich um oberflächliche Themen wie Abnehmen, Geldsparen, weniger rauchen oder mehr Sport. Dass für so etwas überhaupt ein Jahreswechsel nötig ist, sollte schon erschreckend genug sein, viel schlimmer ist jedoch, dass man bereits nach wenigen Tagen wieder das Interesse an ihnen verloren hat. Viele Menschen haben beim Erfinden dieser Vorsätze nämlich nicht damit gerechnet, dass Veränderungen im eigenen Leben anstrengend umzusetzen sind und schlagen somit lieber wieder die Richtung ein, aus der sie kamen. Zumindest für den Rest des Jahres. In ein paar Monaten kann man es ja erneut versuchen.

Immerhin machen unsere Vorsatzversager das Beste aus diesem Fehlschlag und erzählen von nun an auf Geburtstagen, Feten und sonstigen Freundeversammlungen grinsend, wie sie all ihre guten Vorsätze schon nach kurzer Zeit nicht mehr eingehalten haben. Durch dieses Geständnis haben sie die lachenden Kopfnicker auf ihre Seite gezogen, können in dem daraus resultierenden zustimmenden Stimmengewirr untertauchen und sich des Lebens freuen. Doch solch ein bedauernswertes Stück Mensch bin ich nicht. Ich fasste meinen guten Vorsatz nicht, um ihn zu ignorieren und mich mit dieser Ignoranz zu profilieren, sondern um ihn einzuhalten.

Und damit komme ich zurück zu dir, denn du stehst direkt mit meinem Vorhaben in Verbindung. Du sollst mir dabei helfen, meine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Häufig habe ich in der Außenwelt das Verlangen danach, laut um mich zu schreien, doch ist mir eine solche Reaktion untersagt. Selbstverständlich könnte ich jederzeit ein lautes Geschrei veranstalten und jedem meine Meinung sagen, doch würden mich nach einer solchen Aktion ein paar Ordnungshüter für verrückt erklären und auf den Boden einer dunklen Ecke ketten. Dabei wären die benutzten Ketten noch das kleinere Übel im Vergleich zu den Ecken, die ich für furchtbar trostlose Gebilde halte und meiner Meinung nach ein wahres Sinnbild der menschlichen Langeweile darstellen.

In der Außenwelt muss heutzutage nämlich alles eckig sein. Geecktes kann gestapelt, gestellt und verkantet werden, was für die grau denkenden Schwarzseher da draußen eine ungemein erheiternde Tätigkeit darstellt. Runde Häuser werden beispielsweise als modischer Schabernack und riskante Designidee mit verspieltem Kindheitstouch des Erbauers abgestempelt. Eckig ist angesagt. Wäre es kein so großer Aufwand, das komplette Straßensystem der Erde umzustrukturieren, würden wir mittlerweile vermutlich auf eckigen Rädern durch die Gegend gondeln. Aber wem erzähle ich das? Beschreibe ich nicht gerade eigenhändig die eckigen Seiten zwischen deinen eckigen Buchdeckeln? Warum sind deine Seiten lediglich liniert, kariert, rautiert oder leer erhältlich? Kreisiert fände ich deine Blattgestaltung viel ansprechender.

Ich schweife ja schon wieder ab. Genug vom eckigen Leben auf diesem runden Planeten. Ich lasse nun weiter meinen Stift über deine Blätter kreisen und komme zurück zum eigentlichen Thema dieses Eintrags: Du hilfst mir dabei, meine Gedanken zu formen, zu formulieren, zu vollenden und sie dadurch letztendlich zu verarbeiten. Du schenkst mir die Aufmerksamkeit, die mir die Außenwelt bisher nie zukommen ließ. Ab jetzt wirst du jede Woche von mir hören und in meine Gedankenwelt eintreten. Ich werde mich auf die Fehler der Außenwelt stürzen und sie verbal zerschmettern. Ich muss endlich jemandem davon berichten, was sich in der Außenwelt so abspielt. Ich habe lange genug geschwiegen. Es ist an der Zeit, sich zu wehren. Natürlich nur mit Worten. Ein direkter Eingriff in den Außenweltwahn wäre sinnlos. Als könnte einer alleine etwas ändern.

Damit möchte ich meinen ersten Eintrag beenden. Auf dass wir uns gemeinsam von Woche zu Woche bewegen und dabei köstlich amüsieren werden. Ich habe einiges zu berichten.

Ach so, bevor ich es vergesse: Ich habe noch einen zweiten guten Vorsatz gefasst. Er betrifft mich und lautet folgendermaßen: »Bleib, wie du bist, und lass dich nicht unterkriegen.«

Wir lesen uns in einer Woche wieder.

Der Mond muss weg
Genürselte Spritzbuben mit Kranzbinden
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Nicht immer nur meckern